Von einem der nach Polen geht und ein Restaurant eröffnet


Roadmovie to Poznan by artifischl

Wenn ich vor 18 Jahren durch Ostdeutschland über die Landstraßen gebraust bin, hatte ich noch so ein richtiges Roadmovie-Feeling, draußen auf dem Land, Allee-Bäume, Dörfer, Träcker, Kühe am Strassenrand und Hauptstraßen die aus einer Schotterpiste bestanden. Das ist alles lange her, überall gibt es Autobahnanbindung und die Umgebung um den Highway herum ist so langweilig, das meine Mitfahrer nicht selten in komatösen Schlaf verfallen.

Wer mal ein richtiges Roadmovie der etwas skurillen Art erleben möchte, der fährt besser nach Polen. Wer bei Frankfurt/Oder über die Grenze überschreitet, bei der man nicht mehr zeitaufwändig kontrolliert wird (Polen ist seit Januar 2008 ein Schengen-Staat), der wird von einer abwechslungsreichen 120 km langen Landstrasse begrüßt, auf der es wahnsinnig viel zu entdecken gibt ! Zwar wird gerade mal wieder an der Autbahn gebaut, aber aus diversen Gründen wird der Bau immer wieder unterbrochen, sodaß in Polen ca. 3000 km Autobahn fehlen. Die Kosten für den Bau sind durch die Unterbrechungen schon so astronomisch in die Höhe gestiegen, sodaß die zukünftige Maut dafür so teuer sein wird, das alle Trucks wohl weiterhin die Landstrasse benutzen werden. Das erklärt auch den Neubau gigantischer Truckertankstellen an der Landstrasse.

Monster-Tankstelle

Monster-Tankstelle

Erste Regel: Überhole alle Lastwagen auf der Gegenspur BEI GEGENVERKEHR ! Auf den ersten 10 km und dann auch immer wieder zwischen den Orten gibt es einen schmalen Standstreifen, auf den die Trucks in der Regel ausweichen. Super für Adrenalin-Junkies, wenn man zwischen 2 LKWs auf der Mitte einer Landstrasse durchhuscht. Das erinnert mich immer an die Szene in Starwars, bei der der Millenium Falcon aus dem sich schließenden Maul eines Monsters entweicht das in dem Inneren eines Asteroiden lebt. Daß das nicht immer so super funktioniert, sieht man an einem interessanten polnischen Verkehrsschild:

Polnische Verkehrstote

Polnische Verkehrstote

Dieses Schild bedeutet, das auf dem folgenden Streckenabschnitt 8 Leute ihr leben gelassen haben und 53 Personen verletzt wurden. Ich frage mich immer, wer das aktualisiert, wenn sich die Zahlen verändern. Kategorien wären auch noch spannend: Frontalzusammenstoss, Gegen den Baum, von der Strasse abgekommen, Prostituierte überfahren…

Zweite Regel: haltet Euch an die Verkehrsregeln ! In jedem Ort steht ein Blitzer, die zwar überhaupt nicht funktionieren, aber es gibt an bestimmten Tagen überraschend viele Mausefallen. Ausserdem sind die Auswüchse und Sehenswürdigkeiten so interessant, das sich das Einhalten der Geschwindigkeitsbegrenzung lohnt.

Zwischen den Ortschaften werden im Wechsel an Haltebuchten Beeren, Pilze, Honig, Europaletten, Körperflüssigkeits-Absaugdienstleistungen und Holzschnitzfiguren angeboten. Bei keinem der Angebotenen Produkte habe ich jemals einen Kunden halten sehen, aber irgenwie muss sich das Geschäft lohnen.

Die Landstraße führt durch einige Ortschaften, die sich wirtschaftlich komplett dem Reiseverkehr angepasst haben. Irgendwann ist ein Geschäftsmann auf die Idee gekommen, das man die Trucker besonders mit amerikanischen Namen in ihr Etablissment locken kann. So heisst ein gigantischer Truck Stop nach dem US Staat „Nevada“. Die Masche scheint zu fruchten, denn nur einige Kilometer finded man das „Las Vegas“ und noch ein bisschen weiter ein Hotel das von der Architektur stark an einen Saloon aus einem x-beliebigen Western aussieht. Ich fühle mich an eine Zeit erinnert, wo alles Cool war, was aus Ami-Land zu uns rüberschwappte. Musik, Mode, Fastfood, Softdrinks, Computerspiele…, wann war das ? Anfang der 80er ? Schon toll, wie sehr einem ein paar Jahre Busch-Regierung die Augen öffnen kann😉

Mein Lieblings-Verkehrsschild ist dieses hier —>

Es laufen ständig kleine Mädchen über die Straße, leider sind die meistens nicht in Begleitung eines gigantischen roten Balons (oder ist das ein Riesenlutscher mit Ohren ?), deswegen wird häufig darauf hingewiesen

Ansonsten ist am Straßenrand Werbung trumpf. Wer die Szene aus „Brazil“ kennt, in der die Autobahn links und rechts ohne Unterbrechung mit Plakatwänden zugepflastert ist, bekommt eine Vorstellung vom zukünftigen Polen. Die durchaus vielseitige und schöne Natur wird von Postern unterbrochen, damit der geneigte Autofahrer auch ganz sicher weiss, weit es noch bis zum nächsten Nightclub ist, respektive wie lange der Samen noch gestaut werden muss. In diesem Zusammenhang finde ich 2 dinge Amüsant. Die Nachtclubs sind immer 24 Std. geöffnet und viele von ihnen tragen den Namen „Alibi-Club“. Ich stelle mir folgende Szene vor:

Frau: „Warum kommst Du so spät nach Hause ?“
Mann: „Ich war noch was trinken im Alibiclub“
Frau: „Ach soooo, na dann, und ich dachte, Du wärst schon wieder bei den Nutten gewesen“

einer der vielen Alibi Clubs in Polen

einer der vielen Alibi Clubs in Polen

Wirklich durchaus preiswert und recht gut ist das Essen in den Tankstellenrestaurants. Hier bekommt man alles, was der Pole auch von seiner Mutter gekocht bekommt. Zurek, Flatschki und Piroggen, ausprobieren lohnt sich. Ausserdem kommt man, wenn man dem polnischen mächtig ist, oder in polnische Begleitung ab und zu ins Gespräch und erfährt von Truckern viel verlässlichere Verkehrsnachrichten als aus dem Radio. Zu alledem die Anzahl der Verkehrsopfer und wie man die Stelle umfahren könnte. Ausserdem ist Tanken im Schnitt 20 ct. billiger als in Deutschland, was aber hier von einer Tankstelle zur Nächsten auch bis zu 5 ct variiert.

Noch so ein Ding sind Baustellen. Man stelle sich vor: Auf der Hauptverkehrsverbindung zwischen Berlin und Posen wird immer an irgendeiner Stelle gebaut. Brücke ausbessern, Kreisverkehr einrichten, Bäume fällen, Schlaglöcher füllen, Fahrbahnmarkierung erneuern… und für viele dieser Arbeiten wird eine Spur gesperrt. Ärgerlich, da je Richtung nur eine Spur zur Verfügung steht. Deswegen steht dann so ein Fahnenmännchen da und leitet abwechselnd die Spuren an der Baustelle vorbei. Der Rückstau beträgt mehrere Kilometer. Aber das gibt einem wenigstens Zeit, die vielen lustigen Hinweisschilder und Werbetafeln ganz genau zu studieren.

Nach 120 km kann man wählen: 50 km funkelniegelnagelneuer Highway für 11 Zlotti, oder 70 weitere Kilometer Landstraße – wem 20 min. extra nun auch schon sch….egal sind, der fährt Landstrasse, denn ab hier wird diese richtig schön !


9 Kommentare so far
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was zum schmunzeln

http://www.berlincityblues.com/?p=1664

Kommentar von guest

ich fand das „Achtung: Kuh“ Schild ganz toll…Vielleicht ist es aber auch ein „Achtung: Rind“ Schild, denn im Gegensatz zu dem „Achtung: kleine Mädchen mit Ballon“ Schild, konnte man das Geschlecht nicht so genau erkennen, was wohl daran lag, dass die entsprechenden Bereiche am Tier sehr eckig gestaltet sind. Ich weiß nicht, was schlimmer ist, ’n Tetrapak im Euter oder Würfelhoden? Hab leider kein Bild von dem Schild, aber vielleicht kann der Chris das bei einer seiner nächsten Touren mal festhalten.

Kommentar von Susi Q

Ich versuch ja schon die ganze Zeit mehr Fotos zu machen, aber im Vorbeifahren ists halt irgendwie verwackelt und Anzuhalten, Kamera auszupacken und dann sehr seltsame Blicke von den Dorfbewohnern zu ernten ist mir doch unangenehm. Ich werde aber die Tour mal irgendwann zu zweit fahren, und dann auch die Kuh erwischen🙂 . Würfelhoden ! Großartig !

Kommentar von artifischl

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Bin gerde am Wochenende diese Straße gefahren. Bis auf die Benzinpreise ist noch alles so wie beschrieben. Und endlich weiß ich, was die gelben Schilder bedeuten und warum die 2001 schon als Baustelle eingezeichnete Autobahn noch immer nicht fertig ist. Tatsächlich ist das Verkehrsaufkommen ein adrenalin-förderndes „Erlebnis“. Toller Blogeintrag.

Kommentar von hamburgergeschichten

Naja, das mit den Benzinpreisen verändert sich natürlich, der Artikel ist ja vom August. vor 2 WOchen habe ich umgerechnet für 98 ct. getankt (aber in Poznan, nicht auf der Landstrasse). AUf jeden Fall sollte ich mal eine 2te Folge schreiben, habe viel neues auf der Strecke entdeckt.

Kommentar von artifischl

Ich bin diese Strecke auch schon sehr oft gefahren. Ich kann alles, was du geschrieben hast nur bestätigen. Der Fahrstil meiner Landsleute ist aber leider sehr erschreckend! Ich könnte persönlich auf solchen Adrenalinkick gerne verzichten.

Kommentar von kamila

[…] war aber halb so wild, wirklich schlimm waren die bzw. das Stück “Landstrasse“! Was hier als “Landstrasse” verkauft wird, würde in Schleswig – Holstein nicht […]

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