Von einem der nach Polen geht und ein Restaurant eröffnet


Topinambur, Silvesterdinner, Freunde und absurde Dialoge by artifischl

– 3 Tage vor Silvester haben wir das Restaurant wieder aufgemacht.  Einerseits bin ich erholt gewesen von dem Urlaub in den Mazuren, andererseits froh, wieder zurück zu sein. Und es gab ja noch einiges vorzubereiten. Die Panik stieg, das von irgendwas nicht genug da war. In der Regel wird nämlich immer genau das verlangt, was man nicht in Vorräten eingekauft hat.  Aber wir waren vorbereitet: 2 Kisten Champagner, 7 Kisten Sekt, 40 Flaschen Vodka, 2 Fässer Bier, Säfte und diverse Spirituosen.

– Bis zum 31.12. Nachmittags steht das Telefon nicht still. Alle wollen Tickets, aber wir sind ausverkauft. 85 Plätze mehr geht nicht – halt, das ginge schon –  aber dann gäbe es keine Tanzfläche. Ein weiser Entschluss, wie sich später mehr als deutlich heraus stellt. Absurde Gespräche halten meinen Chefkoch von der Arbeit ab:

Anrufer: „Für heute Abend 40 Tickets für das Silvestermenü“
Chefkoch: „Sorry, wir sind ausverkauft“
Anrufer:“Aber wir haben doch auch Tickrets fürs Theater“
Chefkoch:“Gut für Sie, aber wir sind ausverkauft“
Anrufer:“Aber wir wollen doch was essen“
Chefkoch:“Ja.“
Anrufer:“Kann ich dann vielleicht 10 Plätze haben ?“
Chefkoch:“Nein“
Anrufer:“5 ?“
Chefkoch:“Nein“
Anrufer:“2 ?“
Chefkoch:“Nein“
Anrufer:“EINEN  ?“
Chefkoch:“ Vielleicht einen halben für Ihren Sohn, aber sie können nicht mitkommen“
(nein, der letzte Satz war dazu erfunden, aber der Rest war genau so)

– Einen Tag vor Silvester fahren mein Küchenchef und ich 120 km durch deine Walachei-ähnliche Region bei wildem Schneetreiben, um einen Topinambur-Bauern zu besuchen. Wir hatten diesen vor Weihnachten im Internet ausfindig gemacht. Er verkauft das leckere Zeug in Säcken á 50 Kilo (Mindestabnahme). Da sich das Zeug angeblich so nicht verschicken lässt und der Sohn nicht wie angekündigt nach Poznan kommen konnte um uns das Zeug zu liefern, fahren wir also da hin. Denn wir wollen an Silvester unbedingt Topinambur-Suppe als Starter bieten. Den Polen ist Topinambur als Lebensmittel völlig unbekannt, es wird dort ausschließlich zur Produktion von Biodiesel angebaut ! In Deutschland kostet Topinambur im Versand ca. 2,50 Euro je Kilo. In England gibt es in der Nähe von Bristol ein Hotel, das eine Topinambur-Suppe für 10 Pfund (!) angeboten hat.  Unser Bauer möchte für das Kilo 3 Zlotti haben. Weil wir selbst abholen, gibt er es uns für 2 Zlotty, also etwa 50 Cent. Der Bauer versteht ehrlich gesagt nicht ganz,was wir damit machen wollen. Mein Chefkoch Arek erklärt es ihm. Daraufhin der nächste absurde Dialog:

Bauer: „Verstehe ich das also richtig, das da ist Dein Boss, ja ?“
Arek: „Ja“
Bauer: „Und Du bist der Chefkoch“
Arek: „Ja“
Bauer: „Und Ihr fahrt 120 Kilometer hin und 120 Kilometer zurück um Topinambur zu kaufen“
Arek: „Richtig“
Bauer: „Und dann macht ihr daraus SUPPE ???“
Arek: „Ja“
Bauer:“Ihr müsst total verrückt sein“
Arek:“Kann sein“
Bauer:“Ich sag euch was, ich lass meine Kinder zu Hause und komm mit einer Frau zu Euch zum Silvester Essen, sonst glaubt die mir kein Wort“
Arek:“Wir sind leider ausverkauft, aber wenn Du willst, dann könnt ihr in der Küche sitzen !“
Bauer:“Letzte Woche hab ich 25 Tonnen für die Biodieselproduktion verkauft, und heute 50 Kilo für Suppe“

Zurück in Posen müssen wir noch das Schweinefleisch abholen, das wir beim Prosiaczek bestellt haben (25 Kilo, das sind für mich trotz 3 1/2 Monaten Restaurant dann doch immer wieder Mengen, die ich früher so nicht mal eben eingekauft habe). Prosiaczek ist noch ein richtiger Einzelhandel-Metzger mit Delikatessen-Sevice und 3 Filialen, wie man das früher auch in Deutschland kannte, aber heute auch hier nur noch ganz vereinzelt anfindet. Denn mittlerweile (einen Tag vorher) steht auch das Menü für die Silvesterparty fest:

Topinamburcréme mit Chips von Blauen Schweden Kartoffeln

Gegrillte Jacobsmuscheln auf Süßkartoffelpürree mit Erbsenschaum

Bouquet von Blattsalaten mit Gänsestreifen und Orangendressing

Schweinebraten an Honig-Schwarzbiersauce und Kartoffelkuchen

Törtchen aus weisser und schwarzer Mousse mit gezuckertem Ingwer und Himbeersauce

– Am Nachmittag trudelten dann auch schon ein Teil meiner Freunde aus Deutschöland und Österreich ein. Das war richtig schön, hielt mich aber auch von den Vorbereitungen ab, aber meine Mitarbeiter waren 110 Prozent bei der Sache. Alles war so gut im Timing und weil am nächsten Nachmittag meine Freunde auch noch mithelfen, den gigantischen Berg von Topinambur zu schälen, fragte ich am Silvestertag nur 3 mal nach, ob noch alles im Zeitramen ist.

– Da einer unserer Köche ausgefallen war, musste ich selber richtig ranklotzen, aber das hat wirklich Spass gemacht. Allerdings habe ich dann natürlich in der Aufregung das Fotografieren ab und zu vergessen. Fotos gibts also nur spärlich und später. (Wer welche gemacht hat, sagt bescheid).

– Um 20:30 beginnt das Gästeeintrudeln, die Suppe schicken wir um 21:00 Uhr. In rascher Folge kommen Jacobsmuschel und Salat auf den Tisch. um 22:00 uhr bereite ich gerade das Hauptgericht zum schicken zu, als ich von meinem Barchef wegen einer schwer aufgebrachten Gruppe in den Gstraum gerufen werde. Die Gruppe brüllt auf mich ein, ich solle nun ENDLICH die Musik lauter machen, man wolle JETZT tanzen. Ich versuche freundlich zu vermitteln und werde niedergebrüllt. FInde dann doch einen in der Gruppe, der mit sich reden lässt. Ich biete als Kompromiss an, den Hauptgang zu schicken und danach den DJ anzuweisen lauter zu werden. Die Tanzfläche ist in sekunden brechend voll. Das es einen Interessenkonflikt gibt, da einige Gäste ihr Menü geniessen wollen und wir ja auch ein Retaurant und keine Disco sind interesiert die Brüllergruppe nicht. Mir wird das später so erklärt, das der Wodkakonsum an Silvester sofort zum Delirium führen würde, wenn man das nicht raustanzt zwischendurch. Ich dachte eigentlich immer, körperliche ertüchtigung fördert lediglich, das der Alkohol noch schneller im Blut und dann im Hirn landet um größtmöchlichen Schaden anzurichten, aber was weiss ich schon mit meinem nicht vorhandenen Mediziner-Weisheiten😀 .

– Der Rest des Abends verläuft glimflich und fröhlich. Soweit ich das beurteilen kann, war das Essen zwar lecker, aber an Silvester hätte es auch ein kleines Buffet getan, das regelmäßig mit Rolmops, sauren Gurken, Brot und Schmalz aufgefüllt worden wäre. Ich bin wenigstens sehr froh, das ich so viele Freunde aus Deutschland da hatte, die es fast alle zum ersten mal nach Polen geschafft hatten. Wir haben Unmengen von Alkohol übrig, zum Glück konnte ich wenigstens den Wein auf Komission bekommen. Die Polen haben mich im Wodkaumsatz maßlos enttäuscht, ich wünschte mir manchmal an dem Abend, es wären Norweger😉 .


12 Kommentare so far
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schade, dass ich es nicht geschafft habe.
das hätte mir spaß gemacht zwischen besoffenen wodkapolen und topinamburschälungen😉
frohes neues*

Kommentar von cv

Mein Lieber!

Auch mir hätte es grenzenlosesn Spaß gebracht auf
kompromisslose Art und Weise zwischen Küchenbrigade auf der einen und Vodkafraktion auf der anderen Seite hin- und herzutanzen. Hoffentlich holen wir das bald nach! Dein Text liest sich auszugsweise fast wie ein neues Buch von Anthony Bourdain, bin wirklich begeistert.

Alex – INFINITE JEST –

Kommentar von The Everlasting Club

Oh, das hört alles unsagbar lecker an… Und nach einer wunderbar-großartigen Party.

Viel Erfolg weiterhin, Lies von Lott.

Kommentar von Lies von Lott

@ Lies von Lott: das war auch wirklich lecker. Danke für die Wünsche. Ich freue mich immer, wenn auch „anonyme Leser“ mal einen Kommentar hinterlassen. Und Dein Avatar gefällt mir, ich liebe Pinguine ! Beste Grüße aus Posen !

Kommentar von artifischl

Gerne und freut mich, dass dir mein kleiner Pinguin gefällt… Mit seiner keken Gesprächspose!

Grüße zurück nach Posen und wieso eigentlich gerade Posen?

Kommentar von Lies von Lott

Von mir erst mal alle besten Wünsche fürs neue Jahr! Weiter so!

Und dann wundert es mich, warum die Polen noch nicht entdeckt haben, dass man Topinambur wunderbar brennen kann.

Kommentar von fressack

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