Von einem der nach Polen geht und ein Restaurant eröffnet


Bei Louie by artifischl
16 November , 2010, 10:00 pm
Filed under: Essen gehen, Food-Talk, Freunde, In der Profiküche, Kochfreund Alex | Schlagwörter: , , ,

von TheEverlastingClub

Fremder, wenn es Dich nach Frankfurt treibt und Du eine echt authentische Apfelweinkneipe suchst, dann sollst Du in der „Mainlust“ in Schwanheim einkehren. Denn hier wird einem noch was geboten, wenn man auf hessisches Kulturgut steht.

Ob am Tresen oder draussen im Garten, in der „Mainlust“ trifft sich Frankfurter Urgestein und mit dem Wort „Offebäscher“ sollte man vorsichtig umgehen. Unser Louie hat hier vor einigen Jahren schon einmal gewirkt. Nach einigen Rückschlägen und Irrwegen hat er es aber wieder an die Heimatfront geschafft.

Ich freue mich von ganzem Herzen mit ihm, weiss ich doch wie hart es ist, ausserhalb seiner vorbestimmten Wirkungskreise zu existieren und in der Umlaufbahn irgendeines peripheren Planeten seine Bahnen auf einem entlegenem Felsen ziehen zu müssen, auf dem sich die gewünschte Zielgruppe so selten hin verirrt, wie der Veganer zum Schlachter. Zum Glück sind diese kargen Zeiten nun vorbei und es ist schön, den Louie wieder in seinem schwarzen Joppelchen und Bembel-schwingend Gäste beglücken sehen zu dürfen.

Es ist der harte hessische Kern der Äppelwoi-Trinker und Handkäs-Lutscher, die sich hier zum Stelldichein treffen. Multi-Kulti findet anderswo statt und das exotischste auf der Kart ist denn auch der Kümmel zum Handkäs. In Zeiten von Sushi, Crossover und Kebap meint ja oft noch der letzte Apfelwein-Wirt „Irgendwas mit Balsamico“ oder wenigstens einen Ruccolasalat auf der Kart haben zu müssen. Nicht so der Louie. Der bleibt sich und seinen hessischen Schmankerln treu. Allerdings sind das halt nicht die von mir sonst oft geschmähten lieblos hingerotzten Bistrot-Banalitäten die es in Frankfurt an jeder Ecke und oftmals überteuer gibt, sondern liebevoll inszenierte Gerichte mit Pfiff. Alles ist mit Bedacht ausgesucht, zusammengestellt und zubereitet.

In den Wurstsalat kommt eine ganze Armee superleckerer, teils geräucherter Würste, die schon alleine genossen klasse schmecken würden. Das Entrecote ist eigentlich ein 200 Gramm Rib-Eye (warum des jetzt so iss, soll gefälligst der Louie erklären) und zum Preis von € 9,90 absolut unschlagbar. Das Schnitzel für nur € 5,– ein Schnäppchen. Der Handkäs gehört zu den leckersten die ich je essen durfte und die roten Zwiebeln oben druff sind eine prima Idee. Gut kommen auch die „Deckelcher“, also rundes Apfelweinbrot mit darauf aufgetürmten Lokalspezialitäten wie Solzer, Handkäse, Blutwurst, mit Senf, Gürkchen, Zwiebeln, usw.

Das Kartoffelstampf wahlweise mit Geflügelleber, Rindfleisch mit Ingwersahne, Speck und Zwiebeln oder scharf angebratenem Lammfleisch und Chillie ist uns noch aus Bergen-Enkheimer Zeiten bekannt und schmeckt genau so lecker wie früher.
Unübertrefflich sind die Bratkartoffeln, allerdings, sorry für die Kritik, kommen diese nicht immer in der gleichen Qualität aus der Küche, was an den wechselnden Köchen liegen mag, oder daran, wer gerade wem mal wieder in der Küche die Bratpfanne übergezogen hat. Aber für sowas hat man als Freund ja Verständnis. Wenn die Kartoffeln wirklich knusprig gebraten wurden, sind sie ja schwer zu toppen und werden ihrer Auslobung als „die besten der Stadt“ auf der Speisekarte auch gerecht.

Als genial muss man dann die Kreation „Bratkartoffeln mit angebratener Blutwurst, Pfifferlingen und Thymian“ bezeichnen. Das war wahnsinnig lecker. Auch wenn der Louie die vielleicht kleinste Weinkarte Frankfurts hat („Mir trinke doch eh nur Schoppe“), so wird das durch die sehr guten Apfelweine ausgesuchter Keltereien wieder ausgeglichen. Man sollte hier sowieso bei den lokalen Spezialitäten bleiben, „Ferz“ gibt’s annerswo genug und Bordeaux passt eh net zum Handkäs. Sensationell dann die „Schnapskart“.

Wie schon in Bergen-Enkheim hat der Louie etwa 200 Schnäpse, Brände und Geiste liebevoll zusammengetragen. So eine Karte ist bemerkenswert und findet sich sonst eigentlich nur noch in den hiesigen Spitzenrestaurants. Das diese Schnäpse aber nicht einfach mal so eingekauft und auf der Karte platziert werden, sondern in mühevoller Arbeit probiert, verkostet und selektiert wurden, bevor sie es auf die Karte schafften, durfte ich diesen Sommer einmal selber miterleben.

Gemeinsam verkosteten wir eine ganze Reihe Brände und man nahm sich Zeit dafür („Zum Schnapskenner ist es ein weiter Weg. Aber es ist ein schöner Weg.“).Den Gaumen vom Scheffchen passierten nur 3 der gezeigten Gläser mit „sehr gut“, dem Lieferanten wurde noch am gleichen Nachmittag ob der geringen Auswahl geeigneter Brände heftig Bescheid gestoßen. Hier gilt also durchaus das Credo Quantität und Qualität auf der Karte.

Im Sommer sitzt man draussen ganz herrlich in einem liebevoll arangierten Garten unter einem riesigen, alten Birnenbaum. Überall stehen Blumen, Kräuter, Weinfässer und andere nette Kleinigkeiten die zum gemütlichen Ambiente beitragen.

Das gefällt sogar den meisten Hessen, auch wenn ich ein altes Derrfleischgesicht am Nachbartisch sagen hörte „Früher wars abba bässär. Da hattense Plastik! Des war bässär.“ Glücklicherweise teilen nicht alle Gäste diese Liebe zu Plastiktischen und auf den Holzbänken sitzt man dank angeschraubter Lehnen nicht nur klassisch sondern sogar bequem. Überhaupt die Gäste. Für Aussenstehende ein recht gewöhnungsbedürftiges, aber hoch authentisches Publikum. Schoppepetzer, Staranwälte die incognito unterwegs sind, Suffköppe, lokale Prominenz, Metzgermeister a.D.,  Derrfleischgesichter, Schnakehetzer, und irgendwie sind es ja alles „Gude“ und werden als Solche auch lautstark vom Louie begrüßt. Alle sind sie da und man kommt garnicht so selten ins Gespräch, streichelt Hunde, erzählt Witze, macht Bekanntschaften. Weil hier geht das. „German Gemütlichkeit“ eben. Am Nebentisch kreischt ein Bangert „Gibts hier denn gaaar keiiiine Piiiiiizza??“. Nein, gibt es nicht, auch kein „Schnitzel Donald Duck“ und schon gar keinen „Pinocchiobecher“ und der kleene Suppenkasper soll gefälligst essen, was auf den Tisch kommt. Schließlich sind wir hier bei Louie und nicht bei Luigi. Zuviel Höflichkeit in der Jugend, wo kämen wir denn da hin ? Dann würde diese ruppige Apfelweinkultur am Ende verweichlichen und in 50 Jahren gäbe es dann auch hier nur noch Merlot für Weichspüler und Ruccolasalat mit Balsamicopampe. Die Frage nach der Pizza bringt uns auf die Idee einer neuen Wortschöpfung : Bembel „Quadro Stagioni“, weil der schmeckt immer! Inspiziert man nach dem hübschen Schloßgarten nun das Innere der historischen Gruft, dann kann es schon mal passieren das man beim ersten Betreten der heiligen Hallen vor Schreck den Kopf einzieht. Nicht wegen der sanitären Anlagen. Die würden es zwar vom Design her nicht mehr ins „Four Seasons“ schaffen, sind aber zweckdienlich funktionabel. Es liegt mehr am Charakter des Speisesaals.

Zwar sind die Decken höher als die der Altbauwohnungen im Westend, aber dunkles Holz und sehr viel Patina lassen einen erst mal vor Erfurcht erstarren.  Man fragt sich unweigerlich, welche Schicksale diese historischen  Räume teilen mussten. Wirklich uralte Bretter, Apparaturen und Fotos in den Ecken locken mit ihren Geschichten. In der Mitte dann ein riesiger Ofen. Louie erzählt das dieser so heiß würde, daß auch schon mal Küchenabfälle darin verbrannt wurden. Auch ein Tausend-Mark Schein veirrte sich angeblich mal in diese Glut. Überlieferte kroteske Geschichten aus der „Mainlust“ gibt es derer dann noch sehr viele. Aber die soll Euch der Louie beim Schoppen selber erzählen.

Der Autor lebt noch immer in Hessen. Dort ist er einigermassen zufrieden, solange er keinen Ruccolasalat mit Balsamicopampe essen muss.


3 Kommentare so far
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Ich gönns dem Louie so sehr, das er an seinem Konzept festgehalten hat und nun damit erfolgreich ist. Ich schätze mal, das in 9 von 10 Fällen die durchgeknallten gestörten Konzepte von möchtegern-Gastronomen und nicht die Location Ursache für Misserfolg ist. Wirkliche Freude kommt dann auf, wenn es auch andersrum passieren kann. Die letzten Beiden Locations waren vielleicht vom Stil her nicht so anders, haben aber einfach zu ungünstig gelegen. Und der Louie musste sein Konzept einfach in die nähe der richtigen Gäste bringen.

Kommentar von artifischl

„Ferz gibt´s annerswo“ hat mich endgültig überzeugt. Echt, da geh ich hin, hat super Spaß gemacht das zu lesen. Muss Frankfurt jetzt eh mal ein bisschen mehr erkunden…

Kommentar von Christina

@ christina: Obwohl ich in Dreieich aufgewachsen bin, hat mich nie irgendwas kulinarisches nach Darmstadt gelockt. Gibt’s da was ? Louie ist echte Erlebnisgastronomie, aber echt und eben nicht irgendein Ferz. Geb Dir das mal !

Kommentar von artifischl




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