Von einem der nach Polen geht und ein Restaurant eröffnet


„Hadgudgesmeeek?“ – Neulich, 12:48 Uhr, beim Thai , Folge 2. by artifischl
13 Mai , 2009, 11:13 am
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von TheEverlastingClub

Im Jahre 1993 erkundeten meine damalige Lebensgefährtin und ich den Norden Thailands, fernab der ausgetrampelten Pfade des Pauschaltourismus. Es ist Januar, kurz nach Neujahr, und wir lassen uns eine kurvenreiche Straße entlang, nördlich von Chiangmai in das Gebirge fahren, nicht allzuweit der Grenzen zu Laos und Burma. Den staubigen Pfad säumen zahlreiche kleine Schreine, als Mahnung und Erinnerung für die hier zu Tode gekommenen Auto- und Mopedfahrer. Die Schreine folgen reichlich dicht aufeinander. Den Fahrer, der den Anblick offensichtlich gewohnt ist, ermutigt dies jedoch nicht, den Fuß vom tief durchgetretenen Gaspedal zu nehmen.

Diese abentuerliche Reise brachte uns zu einem entlegenen Bauernhof in den Bergen, nahe einem kleinen Dorf, in dem nur ein einziger Bewohner über ein Telefon verfügte, dessen  Benutzung mir von seinen Besitzern seinerzeit auch nur einmalig und unter strengem Blick gestatttet wurde! Sagen wir es ruhig : Wir waren am Arsch der Welt!

In diesem unaufgeregten Winkel unseres Planeten kam ich in den Genuss einer wirklich einmalig seltenen Speise. Aufgrund eines festlichen Anlasses wurde auf dem kleinen Bauernhof in dem wir verweilten, ein Schwein geschlachtet. Das noch warme Blut des frisch getöteten Tieres wurde in einem Bottich mit reichlich Kräutern und Gewürzen vermengt und dann, noch frisch und WARM,  als DIP (!) mit Klebreis serviert. Wir sassen alle draussen auf einem staubigen, kahlen Platz, und tunkten abwechselnd unsere zu kleinen Bällchen geformten Portionen klebrigen Reis in die tiefrote Tunke. Es wurde reichlich Aufhebens um die ganze Sache gemacht da die Menschen offensichtlich sehr arm waren und nur selten in den Genuss dieses Essens kamen. Ich erinnere mich noch, daß es mir schmeckte und sehr viel billiger Mekong-Whiskey dazu serviert wurde, dem ich reichlich zusprach. Sicherlich war auch nur der Mekong schuld daran, daß ich mich die ganze Nacht lang übergeben musste.

Und dann steht man irgendwann wieder in Frankfurt auf dem Markt an der Konstabler und gibt die Geschichte ein paar Guden aus Oberhessen zum besten, die gerade beherzt in ihre Roggenschnitte, belegt mit Odenwälder Blutwurst, Senf und Gürkchen beissen, und schon fallen sie über Dich her, als gehörtest Du in die Geschlossene eingewiesen, nur weil das Schweineblut das Du in Thailand genossen hast nicht wie jenes auf ihrem Backwerk bereits aus dem flüssigen in den gestockten Zustand übergegangen ist. Verrückte Welt.

Lange Zeit nach meinem Erlebnis in Thailand lernte ich dann, daß in Deutschland über Hunderte von Jahren Gerichte wie z.B. „Hasenpfeffer“ auf Basis frischen Blutes zubereitet wurden und noch heute in bestimmten Regionen, wie z.B. dem Fränkischen, nach wie vor serviert werden. In Zeiten von BoFrost und McDonalds dürften diese Gerichte wohl in wenigen Jahrzehnten in Vergessenheit geraten sein.

Frisch gezapftes Schweineblut suchen wir bei den Thais in Frankfurt vergeblich, und auch Späße wie zu Ader gelassene Schlangen wie im Buch/Film „The Beach“ werden nicht geboten. Den Klebreis aber gibt es. Meistens wird er ganz traditionell in einem kleinen Körbchen zu den bereits erwähnten Ost-Thailändischen Salaten (Laab) serviert. Man greift mit den Fingern in das Körbchen, formt eine kleine Kugel, stipst damit dann einen Happen Laab auf und führt das Ganze zum Munde. Essen mit den Fingern macht Spaß!

Und natürlich hat es dann auch wieder „Gudgesmeek!“

„Man sollte alles einmal im Leben probiert haben.“
H. Lecter , „Hannibal“ , Thomas Harris, 1999

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„Hadgudgesmeeek?“ – Neulich, 12:48 Uhr, beim Thai , Folge 1. by artifischl
6 April , 2009, 7:41 pm
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von unserem Frakfurter Korrespondent TheEverlastingClub

von unserem Frakfurter Korrespondent TheEverlastingClub

Besuche in thailändischen Restaurants sind nicht nur wegen des Essens wunderbar. Aus irgend einem Grund herrscht fast immer eine Form von gelöster, geradezu heiterer Stimmung, wie man sie in „gehobenen“ Restaurants aus allgemeiner und zumeist ja auch gewünschter Rücksichtsnahme kaum und auch in vielen anderen Restaurants eher selten anzutreffen vermag. Deswegen würde ich für einen romantischen Abend zu Zweit auch nach wie vor eher beim Franzosen reservieren, gehe aber wenn ich „alleine“ bin voll Vorfreude und Erwartung bester Unterhaltung lieber zu „meinem“ Thailänder.

Es mag an der kollektiven Verwirrtheit liegen, die bei den meisten Gästen offensichtlich eine Art morphogenetische Gemeinschaft auslöst, angesichts der für den nur 2 x pro Jahr einkehrenden Durchschnittsabenteurer oftmals mehr als exotisch anmutenden Speisenauswahl. Dabei ist das, was unsere thailändischen Freunde in Deutschland anbieten meistens (leider) garnicht die „echte“ Thai-Küche, obwohl es sie auch hier gibt.

Nimmt man dann an einem gut besuchten Einkaufs-Samstag in der Frankfurter Innenstadt Platz und bestellt sich ein gekühltes Glas Wein (ein fetter Chardonay hält dem Chillie-Feuerwerk der Speisen stand!), kann die Show beginnen..

Hinter mir sitzen zwei ganz liebe Damen. Die eine betont mindestens 5 mal, wie gut das in dem Lokal riecht. Was stimmt! Es liegt ein Hauch von Duftreis und Gewürzen im Raum, die Atmosphäre ist Zen-mäßig, man möchte frohlocken, als plötzlich… ein kleiner Junge quer durch den Raum rennt, schwer mit seinen Stiefeln stampfend und lauthals verkündend : „Meeensch, Papaaa, auf dem KLO stinkt das ja wie SCHEIIIISSE!!!“.

Ein Pärchen einen Tisch weiter. Sie springt auf wie von der Tarantel gestochen, verrenkt sich den Hals, stiert auf einen Punkt weit hinten im Restaurant, rafft mit irrsinnigem Tempo und ebensolcher Geräuschentwicklung ihre Jacke, Handtasche + den Cocktail zusammen und stürmt wehender Fahnen in die Tiefe des Raums. So ähnlich wie wenn bei den Looney Tunes der Road Runner dem Coyote davonläuft (Falls das noch jemand kennt). Oder so wie wenn der deutsche Urlauber in Thailand morgens um halb sieben „seine“ Bank am Strand hastig mit einem Handtuch vor den bösen bösen Holländern protektiert.  (Kennt man ja auch..)

Achja, ihre Begleitung war ja auch noch da. ER sitzt ungelogen regungslos am Fenster und wimmert „Och nöh.. Och.. Marianne! Och nöh.. der Platz war doch gut.. Marianne!“.

Stellen Sie sich diese Szenen bei Johann Lafer auf der Stromburg vor. Geht nicht ? Eben.

Die Thais lachen gerne. Neulich wurde ich mit folgenden Worten begrüßt : „Ja bitte ? Haben Sie was vergääässen?“. Dann brach das Mädel in Gelächter aus und musste sich irgendwo festhalten, sonst wär sie glatt umgekippt (Ich lach über meine eigenen Witze ja auch am liebsten). Thai-Humor. Allerdings sehen wir Langnasen für Asiaten auch alle ziemlich gleich aus. Die Rache dafür, daß die meisten Europäer keinen Chinesen von einem Thailänder unterscheiden können.

Vor etwa 35 Jahren kam ich an einem entlegenen Ort als kleiner Junge zum ersten Mal mit asiatischem Essen in Berührung. Schon immer haben mich die Vielfalt der Gewürze und die ungewöhnlichen Speisen fasziniert. Meine Eltern mussten mich davon abhalten See-Schnecken und rohe Seeigel zu kosten als ich 7 Jahre alt war. Es sollte 15 weitere Jahre dauern bis ich das dann endlich nachholen durfte und herausfand, daß eigentlich nur Japaner so einen Quatsch essen, sieht man von „Gung Schae Nam Pla“ der Thais einmal ab. Das sind rohe Garnelen mit viel rohem Knoblauch und einer extrem scharfen Chillie-Soße auf der Basis von „Nam Pla“, d.h. in Holzfässern bei Mittagshitze fermentiertem, also faulendem, Fisch. Quasi Sashimi für Perverse. Mit einem Blättchen frischer Minze drauf lass ich mir das schon mal gerne schmecken.

Es ist hart für einen Thai, wenn die Gäste im Restaurant immer nur „knusprige Ente“ und „Irgendwas süßsauer“ bestellen. Das isst in Thailand nämlich nur selten Jemand, auch wenn es gut schmecken mag. Oder essen Sie jeden Tag Sauerkraut und laufen in Lederhosen herum ? Bingo.

Geht man nicht zum „Nullachtfünfzehn“-Thai um die Ecke sondern zu den wenigen ausgesuchten Restaurants, die neben der erwähnten „Ente süßsauer“ auch authentische Gerichte anbieten, dann sollte man checken ob sich der Koch auf Speisen aus Ost-Thailand versteht. Dort, Richtung Laos und Vietnam, versteht man sich auf leichte Gerichte die mit vielen frischen Kräutern und rohem Gemüse zubereitet werden. Eines davon nennt sich „Laab“, eine Art Salat aus gehacktem Fleisch (Schwein, Rind, Huhn, Ente) mit Minze, Chillie und einer Würze aus gemahlenem, zuvor trocken geröstetem, Reis! Eine Delikatesse und sehr zu empfehlen, besonders an heissen Tagen im Sommer.

Sollte sich der Koch auf die Küche Süd-Thailands verstehen, dann empfehle ich ein „Panaeng“ Curry. Dieses Curry hat malaysischen Einfluss (Malaysien grenzt im Norden an Süd-Thailand) und wird mit Kokosmilch zubereitet und Gewürzen, die im Süden typisch sind, ist aber durch das lange Einkochen und die Verwendung von u.a. Kaffir Limette und Thai-Basilikum wesentlich aromatischer als die meisten anderen hier bekannten Currys.

Meine Bestellung kommt. Das Lärmen im Raum wird durch die Präsenz großartiger Speisen schlagartig ausgeblendet. Die lustige thailändische Musik rückt etwas in die Ferne (klingt irgendwie immer wie der Sountrack zu einem süßen Zeichentrickfilm, ganz egal ob es nun meditativ oder HeavyMetal ist).

Die Bedienung verteilt die Gerichte auf dem Tisch. Ich esse gerne so wie die Thais, also alle Gerichte gleichzeitig. Das macht natürlich noch viel mehr Spaß, wenn mehrere Personen beteiligt sind und man die große Auswahl hat. Mehr als öde jedoch, wenn dann Typen am Tisch sitzen die Altgermanisch speisen und weder an den anderen Gerichten Interesse zeigen, noch ihren Tischnachbarn erlauben von ihrem Gericht zu kosten. Allerdings geh ich mit solchem Folk auch nicht mehr essen.

Meine Bedienung ist quer über den tiefen Ausschnitt tätowiert. Sieht aus wie bei Yakuzas zu Hause, aber das wäre dann wieder Japan. Ich erwähne das um noch mal die lockere Atmo zu unterstreichen und weil man sowas in Deutschland eigentlich kaum findet. Und um die Zensoren zu ärgern.

Nach Stunden voller Freude kommt dann wie immer die legendäre, obligatorische Frage meiner Bedienung : „Hadgudgesmeek?“.

Wie immer sage ich „Ja!“.